Hyve und MAN gestalten Schiffsdiesel

Schiffsmotoren arbeiten im Verborgenen, tief im Rumpf, dafür aber mit höchster Leistung und Effizienz und meist rund um die Uhr. Auf den ersten Blick rein technische Aggregate – dennoch nahmen sich MAN Diesel & Turbo und Hyve für die neue HighSpeed-Motorenfamilie MAN 175D vor, ein funktionales Industriedesign zu gestalten. Andreas Beer von Hyve und Matthias Schlipf von MAN sagen, warum.

Schiffsdiesel MAN 175 D, gestaltet von Hyve

Hier noch als Rendering: Der Schiffsdiesel der Motorenfamilie 175D von MAN. Die Gestaltung stammt von Hye | Abb. Hyve

Die HighSpeed-Dieselmotoren der Baureihe MAN 175D sind in erster Linie als modulare Antriebslösungen für Arbeitsschiffe, Fähren und Superyachten konzipiert. Für die Neukonzeption dieser Motoren hat die MAN Diesel & Turbo SE erstmals Industriedesigner einbezogen – das Ergebnis sind aufgeräumte Aggregate mit integrativem Gestaltungsansatz und optimierter Sicherheit. 2015 erhielt das Konzept den RedDot Design Award und 2016 wurde die MAN 175D Motorenfamilie mit dem German Design Award ausgezeichnet.

Andreas Beer, Geschäftsführer von Hyve Design

Andreas Beer: „Es ging auch um die Emotionalisierung des Herzens eines Schiffes“.

Wir sprachen mit Andreas Beer, Geschäftsführer der Hyve Innovation Design GmbH und Dr. Matthias Schlipf, Gesamtprojektleiter der Motorenbaureihe MAN175D von MAN Diesel & Turbo über die Anforderungen, über Kosten und Gestaltungsspielräume.

Warum setzt MAN auf das Design von Aggregaten, die eigentlich unsichtbar sind?

Matthias Schlipf: Die MAN wollte ein klar geordnetes, funktionsorientiertes Design ohne Mehrkosten. Weil es in Maschinenräumen traditionell eng zugeht, muss möglichst viel Leistung auf engsten Raum passen. Aber dennoch soll der Einbau wie auch die Wartung möglichst schnell und einfach ablaufen. Das setzt eine sehr gute Zugänglichkeit der entsprechenden Bereiche voraus – und die Schnittstellen von Motor, Getriebe, Generator, Medienanschlüssen müssen exakt definiert sein. Zudem müssen Sicherheits- und Schutzfunktionen gewährleistet werden z.B. Schutz vor heißen Oberflächen am Motor.

Andreas Beer: Außerdem ging es um die Emotionalisierung des Herzens eines Schiffes. Der Motor transportiert die Markenwerte von MAN und weckt durch die klare Erscheinung Vertrauen. Die Emotionalisierung von Investitionsgütern ist heute bereits in vielen Branchen erfolgsrelevant. Bei Motoren ist das bislang tatsächlich eher die Ausnahme – wenn man einmal von den Kunststoffverkleidungen im Pkw-Bereich oder bei Rasenmähern absieht.

Sie sprechen von den MAN-Markenwerten – wie lassen sich die beschreiben?

Matthias Schlipf: Im Wesentlichen können dies die drei Adjektive „innovative, reliable & efficient“ beschreiben. Innovation wird durch die moderne und klare Wirkung des Motors visualisiert, seine Aufgeräumtheit steht für Verlässlichkeit und Effizienz bedeutet, die Kosten für den Betreiber über den Lebenszyklus zu minimieren: dies gewährleistet ein Design, bei welchem die Wartungs- und Servicekomponenten bestmöglich zugänglich sind.

Schiffsdiesel MAN 175D auf der Messe SMM

Premiere auf der Messe für Schiffstechnik SMM in Hamburg: Der Schiffsdiesel MAN 175D | Foto: Hyve

Wie groß war Ihr Gestaltungsspielraum?

Andreas Beer: Das war am Anfang noch nicht klar, wir mussten ihn zunächst ermitteln, und zwar von zwei Seiten. Zum einen von der Kunden- bzw. Anwenderseite, zum anderen hinsichtlich der technischen Machbarkeit. So führten wir Interviews mit Stakeholdern möglicher Kunden, vom Reederei-Eigner bis zum Maschinisten. Gleichzeitig fanden Gespräche mit den für die einzelnen Baugruppen zuständigen Entwicklern statt. Darauf basierte die klare Erkenntnis, dass keine Blenden verwendet werden können und die Motorteile direkt gestaltet werden müssen. Zu allen Bauteilen sowie der Positionierung gab es immer wieder kurzfristige Abstimmungen mit den Entwicklern. Dabei wuchs mit der Zeit der gegenseitige Respekt und die Zusammenarbeit verlief sehr gut. Stellenweise saßen die MAN Ingenieure und unsere Designer stundenlang gemeinsam vor dem Rechner.

MAN 175D SchiffsdieselWelche konkreten Anforderungen wurden an das Design gestellt?

Andreas Beer: Selbstverständlich bestand der allgemeine Anspruch, alle Erkenntnisse der Anwenderseite in das Design und das Engineering des Motors zu implementieren. Dafür identifizierten wir Gefahrenstellen und wartungsintensive Baugruppen, um diese mit entsprechenden Lösungsansätzen zu paaren. Die Berührung von Heißstellen am Turboladeraufbau erschweren entsprechende Schutzeinrichtungen, ebenso sind sensible Hochdruckleitungen verdeckt und geschützt. Die Integration der Wortmarke MAN und des Produktnamens 175D erfolgte in Absprache mit dem Marketing und den zu erwartenden Einbausituationen.

Matthias Schlipf: Der MAN 175D stellt eine Plattform dar, welche für verschiedenste Anwendungen in unterschiedlichen Setups entlang der Kundenbedürfnisse produziert wird. Also wurde eine Formensprache entwickelt, die durch variierende Farbgebung und Oberflächendetails eine dedizierte Charakteristik auf die Anwendung hin ermöglicht und auch auf Motorversionen in anderen Applikationen oder mit weiteren Zylinderzahlen verwendet werden kann.

Matthias Schlipf, Gesamtprojektleiter der Motorenbaureihe MAN175D

Matthias Schlipf: „Der MAN 175D stellt eine Plattform dar, welche für verschiedenste Anwendungen in unterschiedlichen Setups entlang der Kundenbedürfnisse produziert wird“.

Wo sind die gemeinsamen Merkmale der Motorenfamilie zu finden?

Matthias Schlipf: Über die Zylindervarianten und Motorapplikationen finden sich gemeinsame Merkmale wie die Gestaltung der Ventilköpfe, der Schutz der Hochdruckleitungen, der Ladeluftkühler, Elektronik, Kühler und Turbolader.

Wie lange haben MAN und Hyve an dem Projekt gearbeitet?

Andreas Beer: Insgesamt zwei Jahre, dabei wechselten sich die technischen Entwicklungen mit der eigentlichen Formgebung ab. Die Designarbeit selbst umfasste insgesamt rund sechs Monate.

MAN 175D SchiffsdieselWaren Kostengrenzen definiert und welchen Einfluss hatten diese auf Ihre Arbeit?

Matthias Schlipf: Ganz klar durfte das Design nicht zu Mehrkosten führen – durch die frühe Einbeziehung der Designer konnten wir dies umsetzen.

Andreas Beer: Verglichen mit den Kosten der Gesamtentwicklung und denen eines Aggregates kann man den finanziellen Einsatz für das Design als marginal bezeichnen. Die Wirkung nach außen ist aber umso größer.

MAN 175D SchiffsdieselUnd wie hat die Branche reagiert?

Matthias Schlipf: Zuerst hat unser Vorhaben vor allem intern Verwunderung, ja und auch Skepsis ausgelöst. Als der Motor dann aber Kunden vorgeführt wurde, war das Interesse riesig.

Andreas Beer: Ja, der MAN-Stand war immer voll, Mitbewerber inklusive…

Woran arbeiten sie momentan?

Matthias Schlipf: Wir sind mit der Markteinführung des Motors in den unterschiedlichen Marinemärkten beschäftigt. Weitere Zylindervarianten, Ratings und Emissionsstandards gilt es, zu validieren und darüber hinaus möchten wir unseren Kunden nicht nur den Motor sondern den kompletten Propulsionsstrang aus einer Hand anbieten.

Andreas Beer: Derzeit arbeiten wir unter anderem an dem Design der Transformatorenfamilie von Siemens und einer neuen, mobilen Transformatorenart. Beide wurden vor Kurzem mit den iF Award ausgezeichnet und die ersten Ergebnisse werden auf der Hannover Messe zu sehen sein. Auch ein sehr spannendes Projekt im Bereich Heavy Industry.

Link
www.hyve.net
www.175D.man.eu

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2 Comments

  1. Sehr schöne Arbeit. Kompliment.

  2. Ein sehr schöner Artikel aus dem klar hervorgeht, dass es bei Industriedesign nicht darum geht, Designelemente als Dekor an das Objekt zu kleben oder ihm einen frischen Anstrich zu geben, sondern um weit mehr.
    Wunderbar!