Stromlinienform im Zeppelin Museum

Legendäre Rennwagen aus den 1930er-Jahren, ein vollverkleideter Traktor, Mopeds mit Komplettverkleidung, Züge und Luftschiffhallen: Das Friedrichshafener Zeppelin Museum zeigt bis zum 17. April 2017 den Aufstieg der Stromlinienform.

Vollverkleideter Traktor Allbaier-Porsche P 312

Skurriles Gefährt: Der vollverkleidete Traktor Allbaier-Porsche P 312 aus dem Jahre 1954 in der Ausstellung „Strom-Linien-Form“ | Foto: Scharf

Es liegt nahe, dass sich das Zeppelin Museum in einer Sonderausstellung dem Thema der Stromlinie widmet – auch dass deren Schwerpunkt auf den 1920er und 1930er Jahren liegt, jener Zeit also, die noch heute als die große Ära der legendären Luftschiffe aus Friedrichshafen gilt. Der Zeppelin galt damals als Inbegriff der Stromlinienform, die dafür in den neuen Windkanälen systematisch erforscht wurde. Windkanäle existierten bereits Ende des 19. Jahrhunderts, doch erst mit dem Streben nach immer höheren Geschwindigkeiten erkannte man die Bedeutung der Aerodynamik wirklich. Augenfälligste Ergebnisse dieser Untersuchungen sind die Rekordwagen der 1930er Jahre, rundgelutscht, vollverkleidet und schon damals mit über 300 km/h unterwegs. So  fuhr der Grand-Prix-Rennwagen Typ C von Auto Union 1936 seinen stärker motorisierten Konkurrenten dank besserer Aerodynamik davon. Tempo 340 erreichte das von Ferdinand Porsche konzipierte, silbrig schimmernde Fahrzeug damals.

Der Rennwagen mit seinen noch unverkleideten Rädern ist ebenso Teil der Ausstellung wie die perfekt restaurierte, ebenfalls legendäre Limousine Tatra 87 mit ihrer charakteristischen Heckfinne.

Von Auto Union über Tatra zum Traktor

Auch der von Adler Trumpf 1937 in nur fünf Exemplaren gebaute Langstreckenrenner 1500 ist dabei. Ganz anders als seine Nachbarn ist das Fahrzeug zeigt das Fahrzeug sein Alter, will nicht perfekter sein als es das Original jemals war, präsentiert sich mit entlackter, angeschliffener Alu-Karosserie, zeigt wie improvisiert damals Details waren und entlässt aus seinem Inneren auch noch einen wirklichen Geruch. Zweifellos eines der besten Exponate der Ausstellung. Eine skurrile Erscheinung ist der Traktor P312 von Allgaier-Porsche aus dem Jahre 1954. Mit seiner voluminösen Vollverkleidung sieht der orange lackierte Schmalspur-Plantagenschlepper aus wie einer StarWars-Produktion entsprungen. Mit 30 PS motorisiert, läuft der Traktor gerade mal 23 km/h – seine Stromlinienform diente, so die Erläuterung, zur reibungsfreien Fahrt durch die Plantagen Südamerikas.

Schienenzeppelin neben Bullettrain

Nur angerissen wird in der Schau das Aufgreifen der Stromlinie als Styling-Merkmal – anhand von verschiedenen Haushaltsgeräten aus den 1930er Jahren und den US-amerikanischen Bullettrains eines Raymond Loewy oder Otto Kuhler. Anders als in Deutschland mit den Entwürfen von Franz Kuckenberg, war die Stromlinie bei Zügen in den USA vor allem stilistisch motiviert. Sie sollten Modernität, Exklusivität und durchaus auch Tempo visualisieren, waren aber eindeutig overstyled. Wohltuend reduziert dagegen der Schienenzeppelin von 1930, der „Fliegende Hamburger“ oder der Reichsbahn-Triebzug VT 18.16. Züge stellen den zweiten großen Bereich der Ausstellung, natürlich nur als Modelle in unterschiedlichen Maßstäben.

Simulationswerkzeuge

Weniger bekannt und damit nicht minder interessant: der Exkurs zu den Windkanälen, die zunächst als abenteuerliche Holzhütten an Hochschulen errichtet wurden. Beispielsweise an der TH Aachen im Jahre 1910 in offener Bauweise, an dem u.a. Hugo Junkers lehrte. Erst später ging man auf die geschlossene Bauweise über, die den Luftstrom im Kreis führte und damit noch höhere Geschwindigkeiten erreichte. Auf diese Weise optimierte man auch die riesigen Luftschiff-Hallen, um gefährliche Verwirbelungen beim Ein- oder Aushallen zu vermeiden. Daraus hervor gingen beispielsweise die fächerartigen Kuppeldrehtore der Halle im amerikanischen Akron.

Hochgeschwindigkeits-Flieger? Fehlanzeige.

Was die Ausstellung kaum zeigt: Fluggeräte. Während sich Zeppeline in der Dauerausstellung eingehend betrachten lassen, fehlen Flugzeuge komplett. Dabei gäbe es auch hier zahlreiche Beispiele aus der Zwischenkriegszeit, als Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt, gebrochen und überboten wurden – dank ausgefeilter aerodynamischer Optimierung aller Details. Aber vermutlich hätte dies den Rahmen der begrenzten Fläche gesprengt.

Unter dem Strich eine Ausstellung, die zwar viel bekannte Protagonisten zeigt, mit interessanten Zustzvorträgen angereichert, dennoch einen Abstecher an den Bodensee lohnt. Zumal direkt draußen vor der Tür die 1996 von Alexander Neumeister gestaltete Autofähre „Euregia“ ins schweizerische Romanshorn ablegt.

Strom-Linien-Form: Die Faszination des geringen Widerstandes
Sonderausstellung Zeppelin Museum Friedrichshafen | bis 17.4.2017
www.zeppelin-museum.de

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