Design 4.0 für die Industrie 4.0?

Vernetzte, selbststeuernde Prozesse gelten als Kennzeichen von Industrie 4.0 – und die Chance zur Produktion stark individualisierter Produkte. Wie wirkt sich dies auf den Designprozess aus? Vier zwomp-Förderer nehmen Stellung.

Das Konzept von Industrie 4.0 lässt sich nur realisieren, wenn Zulieferer und auch Dienstleister in die neu definierten Prozesse eingebunden sind. Damit wäre auch die Designbranche betroffen. Verlangt Industrie 4.0 also einen veränderten Gestaltungsablauf? Kennt das Design 4.0 nicht mehr nur einen Entwurf zur Realisierung, sondern muss einen Pool an Möglichkeiten bieten, der Variationsvielfalt bei stimmigem Design erlaubt? Wie stark müssen Designer künftig in offenen Prozessen denken?


birte-juergensen_zweigradBirte Jürgensen | Zweigrad, Hamburg

Aus meiner Sicht wird der Erfolg von Industrie 4.0 – und damit meine ich nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg – auch wesentlich davon abhängen, ob es uns gelingt, den Menschen „mitzunehmen“. Wir werden zukünftig Produkte komplett anders nutzen als heute. Insofern wird sich die Mensch-Maschine-Schnittstelle „Produkt“ radikal verändern: Hard- und Software werden immer weiter miteinander und mit der realen Welt verschmelzen – Stichwort Augmented und Mixed Reality.

Wir müssen uns auf diese veränderte Situation einstellen. Die autarke Gestaltung von Hardware, wie sie das Bild des klassischen Industriedesigners seit Jahrzehnten ausmacht, wird keine ausreichenden Antworten mehr auf die veränderten Anforderungen einer zunehmend virtualisierten Welt geben können. Wir müssen interdisziplinär denken und arbeiten, wenn wir den Menschen eine vernünftige Antwort auf die veränderten Nutzungsszenarien geben wollen. Denn gerade in einem immer stärker technologisierten Umfeld soll die Maschine dem Menschen helfen und nicht umgekehrt. Jede Anwendung, jedes Produkt – egal ob Hard- oder Software – muss dem Menschen das Gefühl geben, verstanden worden zu sein. Umso wichtiger wird, dass der Mensch bei der Gestaltung im Mittelpunkt steht. Die digitalisierte Fertigung bietet die Chance, die Ergonomie und das Handling individuell an den Benutzer anzupassen. Diese Chance sollten wir als Designer nutzen. Individualisierte Produkte sind hoffentlich auch langlebiger: ein geliebtes Produkt ist auch ein nachhaltiges Produkt.

Der Benutzer wird sich aber auch allein deshalb mehr mit dem Produkt identifizieren, weil er stärkeren Einfluss auf dessen Gestalt haben wird. Wichtig ist, dass wir als Designer dabei nicht unsere Verantwortung für gutes Design aus der Hand geben. Ein gutes Beispiel ist die Automobilindustrie, in der individualisierte Massenware schon lange Realität ist: Die Designqualität wird bei einigen Herstellern durch die Festlegung bestimmter Wahlmöglichkeiten erreicht. Im Rahmen der Individualisierung von Industrieprodukten werden wir daher mehr in Optionen und Styleguides denken müssen, um nicht im „Geschmackschaos“ zu enden.


andreas-schulzeAndreas Schulze | Industrial Design, Limburg

Aus meiner Sicht sind die Möglichkeiten, die darin stecken, zur Zeit kaum abzusehen. Die mögliche Individualisierung von „Produkten“ scheint für die Zukunft grenzenlos. Wie so etwas handhabbar und herstellbar wird, werden wir wohl erst nach und nach lernen – auch welche Geschäftsmodelle damit funktionieren und welche nicht. Umso wichtiger ist angesichts dieser Entwicklung, dass Designer und Unternehmer an Menschen und Ihre Bedürfnisse denken und dabei ihre Fantasie spielen lassen.

Markenhersteller werden – wie schon jetzt – der Individualisierung mit Hilfe ihrer Designer klare Rahmenvorgaben machen. Diese Individualisierung lässt sich mit gut durchdachten Tools als ganz besonderes Markenerlebnis inszenieren.

Dort wo die Aura von Markenprodukten weniger Bedeutung hat, werden wir sehr viel mehr Vielfalt erleben. Hier bietet sich auch Spielraum für noch ungeahnte Geschäftsmodelle. Ein neues Betätigungsfeld für professionelle Gestalter, die in der Lage sind Gestaltungsmöglichkeiten und Produktnutzen richtig zu kanalisieren.


juergen hinderhoferJürgen Hinderhofer | Slogdesign, Biberach

Wenn man sich vorstellt, dass in den Werkhallen zukünftig keine Kunststoff-Spritzgussmaschinen mit Werkzeugeinsätzen und aufwendigen Rüstzeiten stehen, sondern 3D-Printer mit höchster Bauteil-Flexibilität, freier Farb- und Materialwahl – dann hat man schon ein interessantes Bild beschrieben wie die Zukunft aussehen könnte. Im Falle der 3D-Printer-Produktion gibt es dann für den Konsumenten eine Online-Gestaltungsmatrix, die Auswahl erfolgt über einen webbasierten Produkt-Konfigurator.

Die Druck- und Papierindustrie hat den vernetzten, digitalen Veränderungsprozess schon durchwandert. Ein ähnlicher, jedoch deutlich komplexerer Prozess ist mit dem Begriff Industrie 4.0 gemeint. Die smarte Fabrik wird zukünftig eine vernetzte Industrieproduktion mit sehr flexibler Fertigung und Montage ermöglichen und damit auch eine Steigerung der Variantenvielfalt bis hin zur Individualisierung von Produkten ab Stückzahl 1. Für den Industriedesigner bedeutet das, sich von Einzelprodukten zu lösen und hin zu modularen, flexiblen Produktsystemen und komplexen Plattformstrategien zu kommen.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Intelligente Produkte mit Sensorik und digitalem Kern werden zunehmend die Verschmelzung von Produkt und Dienstleistung forcieren und nicht nur die Anforderungen an die Gestaltung sowie Handhabung verändern, sondern auch die Unternehmen in ihrer Beziehung zum Kunden. Dabei ist das 3D-CAD das verbindende Element in allen Unternehmensbereichen. Der Industriedesigner nimmt hierbei eine Schlüsselfunktion ein, er weiß wie man komplexe Inhalte vereinfacht und clever strukturiert.

Designer sind Impuls- und Ideengeber und können heute die komplette Prozesskette einer Produktentwicklung abbilden. Eine Beschleunigung der Digitalisierung wird sich in allen Bereichen bemerkbar machen und das Aufgabengebiet des Industriedesigners erweitern. Denkt man an Robotik und autonome Mobilität, wird die Kernkompetenz des Industriedesigners, ergonomisch perfekte und den Workflow verbessernde Produktlösungen zu entwickeln weiter gestärkt.


stefan-lippert-ipddStefan Lippert | ipdd, Stuttgart

Früher gab es beim Autokauf die Hilfestellung durch den guten Händler, der genau wusste, wie ein passendes Auto aus der Vielzahl der ankreuzbaren Optionen zusammengestellt wird – heute gibt es dafür Konfiguratoren. Der gut durchdachte, im Zusammenspiel mit dem Produkt entwickelte Konfigurator ist der Schlüssel zu zukünftigen variablen Produktwelten und den daraus hervorgehenden Maßprodukten in Einzelfertigung mit Serienqualität. In diesem komplexen Zusammenhang aus Produktgestaltung und Produktkommunikation ist es die Aufgabe des Designs, sowohl das Produkt in seiner Variabilität umfassend zu gestalten als auch in der Präsentation der Konfigurationsmöglichkeiten dafür zu sorgen, dass der Kunde die Vorteile der Varianz versteht und sich für seine persönliche Lösung begeistert.

Die Zeiten, in denen zwischen Briefing und Lösung Monate vergingen, sind bei Produkten für Industrie 4.0 vollends vorbei. Das Design ist bei variablen Produkten ein essenzieller Bestandteil des interdisziplinären und damit kommunikationsorientierten Entwicklungsprozesses. Das Design ist für die Konzept- und Gestaltfindung zuständig, dazu aber über die Design-Darstellung auch für die Kommunikation des Entwicklungsstandes im Bereich Konfigurationsvarianten und damit einhergehender Funktionsweise verantwortlich. Wie das dann technisch umgesetzt wird, wird auch weiterhin die Aufgabe der Entwicklung sein.

Das Produkt ist die beständige Verbindung zwischen Unternehmen und Kunden, das bleibt bei der Industrie 4.0 so. Da aber Herstellungsprozess und Nachfrageprofil variabel sind und sein dürfen, muss das Design mit dieser Variabilität umgehen können und trotzdem – oder gerade deswegen – weiterhin eine einzigartige und beständige Verbindung zwischen Unternehmen und Kunde herstellen. Die Offenheit und das Denken in Varianten sind der Schlüssel zur Beständigkeit.

Die Form des Mei­nungs­pa­nels wie­der­ho­len wir künf­tig in lockeren Abständen – natür­lich jeweils mit ande­ren, aktu­el­len Fra­ge­stel­lun­gen. Dabei bit­ten wir exklu­siv unsere För­de­rer um Ein­schät­zun­gen, Mei­nun­gen und Erfah­run­gen. Wenn auch Sie teil­neh­men und so Prä­senz zei­gen möch­ten – hier sind alle Infos dafür.

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