Tricon: Wir müssen die Billig-Schleife verlassen

Tricon war eines von wenigen Designbüros, das auf der Messe Innotrans mit einem eigenen Stand dabei war. Das, sagen die beiden Vorstände, dient vor allem der Kundenpflege.

„Der Kostenaspekt ist nach wie vor dominant, das ist auf europäischer Ebene ein großes Problem”: Frank Schuster und Thomas König (r) von Tricon Design zum Spannungsverhältnis von Zug und Design.

„Der Kostenaspekt ist nach wie vor dominant, das ist auf europäischer Ebene ein großes Problem”: Frank Schuster und Thomas König (r) von Tricon Design zum Spannungsverhältnis von Zug und Design.

Thomas König und Frank Schuster, die beiden Chefs von Tricon Design, verantworten zahlreiche Gestaltungskonzepte für unterschiedlichste Bahnen im In- und Ausland. Auf der Innotrans, der Weltmesse für den Bahnverkehr, pflegen sie den Kontakt zu ihren Kunden, mit einem eigenen Stand. Warum sich diese Investition rechnet, erklären die beiden Designer im Interview.


Tricon präsentierte sich mit einem eigenen Stand auf der Innotrans, direkt gegenüber Bombardier. Warum?

Wir waren bisher auf jeder Innotrans präsent, das hat also durchaus Tradition. Wir betreiben dort nicht Akquise, sondern pflegen den Kontakt mit unseren Kunden, auf einer Messe läuft das viel entspannter und kommunikativer. Das alles bedeutet natürlich zunächst eine Investition, aber die zahlt sich nach unserer Erfahrung aus. Daher haben wir uns auch schon für die nächste Messe im Jahr 2018 angemeldet.

Konnten Sie denn beim Gang über die Messe eine designrelevante Tendenz entdecken?

Formal sicher nicht. Aber wir spüren, dass besonders ausländische Bahnbetrieber versuchen, die Designqualität ihrer Fahrzeuge zu steigern. Die Materialitäten werden qualitätsvoller, hochwertiger. Ungebrochen ist der Wunsch der Betreiber nach eigenen Fahrzeugen, das gilt vor allem für Straßen- und Stadtbahnen.

Tricon war eines von wenigen Designbüros, die sich auf der Messe Innotrans 2016 mit einem eigenen Stand präsentierten.

Tricon war eines von wenigen Designbüros, die sich auf der Messe Innotrans 2016 mit einem eigenen Stand präsentierten.

Wie bewerten Sie die Situation des Bahndesigns generell?

Der Kostenaspekt ist nach wie vor dominant, das ist auf europäischer Ebene ein großes Problem, dass generell der billigste Anbieter den Zuschlag bekommt. Zugleich sind Ausschreibungen primär funktional-technisch formuliert. Anstelle klar zu formulieren, welche Gestaltung man erwartet, taucht das Design allenfalls am Rande auf. In der Schweiz läuft das anders, die Betreiber schließen sich vor der Ausschreibung mit Designern zusammen. Das Ergebnis ist eine viel bessere Qualität bei realistischen Kosten. Nur ein kleines Beispiel: Wir entwerfen derzeit die neue S-Bahn für die Strecke Bern-Solothurn die Regionalbahn Mandarinli. Der Betreiber RBS lässt die Wagen mit Teppichboden ausstatten – das wäre hier zu Lande undenkbar.

Teppichboden statt Hartbelag: Die Regionalbahn Mandarinli des schweizerischen Betreibers RBS.

Teppichboden statt Hartbelag: Die Regionalbahn Mandarinli des schweizerischen Betreibers RBS.

Was müsste sich ändern?

Vor allem eines: Die Betreiber müssen aktiver werden und die Designer engagieren, also eine Art Bauherrenrolle übernehmen. Macht dies wie üblich der Hersteller der Fahrzeuge, dann wird man nie aus der Billig-Schleife herauskommen. Die Betreiber aber sollten ein großes Interesse daran haben, ihre Angebote zu verbessern. Wir benötigen ein neues Mobilitätsverständnis, das den ÖPNV nicht mehr als notwendiges Übel sieht. Das aber ist nur mit einer positiven Wahrnehmung zu erreichen – und dazu gehört ganz zentral das Design der Fahrzeuge.

Sehen Sie Licht am Horizont?

Wir beobachten, dass z.B. die ÖBB in Österreich sehr viel in Qualität investiert. Und wir sehen, dass plötzlich neue, zunächst branchenfremde Betreiber auftauchen, die private Bahnen mit viel Dynamik und Services einrichten. Davon versprechen wir uns ein Signal in die Branche hinein, die zur Zeit recht mutlos erscheint. Die Fahrzeuge des ÖPNV müssen sich verbessern, die Betreiber haben es in der Hand.

Wir arbeiten derzeit auch an der Umsetzung eines Corporate Designs für den Regionalverkehr in Baden-Württemberg. Alle Regionalbahnen und Regionalbusse erhalten ein einheitliches Erscheinungsbild in Gelb und Schwarz, also den Landesfarben. Das schließt Bezugsstoffe, Uniformen und Automaten mit ein. Damit verschwindet das bisherige Durcheinander, schließlich zahlt das Land nicht nur den Betrieb, sondern auch die Fahrzeuge. Letztlich geht es um den Aufbau einer klar erkennbaren Markenwelt, die positiv besetzt ist.

Link
www.tricon-design.de

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