Mikroskop für das iPhone

Von der Idee zum Produkt: Sebastian Pfirter entwickelte „my-iCros”, ein Mikroskop für das iPhone, finanzierte es via Crowdfunding, produziert und vertreibt es selbst.

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my-iCros am iPhone4 | Foto: Designerei

 

Sebastian Pfirter ist Industriedesigner im schweizerischen Liestal, hat mehrere Jahre beim Uhrenproduzent Oris gearbeitet, bevor er sich 2012 als „Designerei” selbstständig gemacht hat. Er arbeitet für verschiedene Branchen, als Designer, aber auch als Visualisierer oder Prototypenbauer. Dafür nutzt er inzwischen drei selbst entwickelte 3D-Drucker, die zwomp.de bereits vorstellte. Diese Geräte nutzt Pfirter auch für die Produktion seines ersten eigenen Produktes – „my-iCros”, ein Aufsteck-Mikroskop für das iPhone.

Wie kamen Sie denn auf die Idee des Aufsatz-Mikroskopes?

Durch einen Beitrag im Internet. Jemand hatte ein Gestell aus Plexiglas, Gewindstäben und einer kleinen Linse gebaut – ein unhandliches Konstrukt, das aber faszinierende Bilder lieferte.

Und wie haben Sie sich der Realisierung genähert?

Als erstes über empirisches Forschen. Ich wusste zum Beispiel nicht, welche Linsentypen geeignet wären – also habe ich verschiedene Linsen gekauft und experimentiert. Als die geeignete Linse gefunden war, habe ich die Halterung dafür entworfen und erste Prototypen auf dem 3D Drucker hergestellt. Die ersten Schritte geschahen aus reiner Neugier, ohne dass ich konkrete Pläne hatte, „my-iCros” als Produkt auf den Markt zu bringen.

Daraus entstehen oft die spannendsten Dinge – welcher Aspekt war denn dabei dir größte Herausforderung?

Eine einzelne große Herausforderung gab es bei der Entwicklung nicht, es waren viele kleine Probleme die gelöst werden mussten. Zum Beispiel ist für einen guten Sitz des Mikroskops auf dem Mobiltelefon eine hohe Genauigkeit des Halters erforderlich, der auch jedes Mal wieder genau gleich produziert werden muss.
Die eigentliche große Herausforderung ist sicherlich das Vermarkten des Produkts. Ich kann mir vorstellen, dass viele Designer genau an dieser Aufgabe scheitern – dem Verkauf der eigenen Ideen oder Produkte. Dies stellt auch für mich nach wie vor die größte Herausforderung dar.

Wie produzieren Sie das Mikroskop?

Außer der Linse wird alles komplett auf unseren selbst entwickelten 3D-Druckern hergestellt, sowohl die graue Halterung als auch die Linsenhülse. Die Hülse ist aus einem weicheren Kunststoff hergestellt und sorgt für einen sicheren Sitz der Linsen in den Halterungen. Die Linsen kaufe ich von einem spezialisierten Unternehmen zu.

Hat also der 3D-Druck die Realisierung erst ermöglicht?

Absolut. Ein Spritzgusswerkzeug für ein solches Teil herzustellen, würde Tausende Euro kosten. Es müsste von vornherein große Stückzahlen verkauft und finanziert werden. Durch die Herstellung mittels 3D-Druck kann ich die Zahlen extrem flexibel der Nachfrage anpassen. Bei Bedarf lassen sich bis zu 200 Stück pro Woche produzieren, was bisher aber nur zu Spitzenzeiten notwendig war.
Aber auch die Entwicklung wäre nie in diesem Tempo möglich, wenn kein 3D-Drucker zur Verfügung gestanden hätte. Die Version für das aktuelle iPhone 6 wurde innerhalb von zwei Tagen nach Erscheinen entworfen, getestet und optimiert.
Dieses „Guerillia-Manufacturing” finde ich hochinteressant. Sollte die Nachfrage irgendwann meine Kapazitäten übersteigen, kann ja jederzeit expandiert werden.

Und wie vertreiben Sie das smarte Stück?

Bisher ausschließlich über das Web, auch die Partner vertreiben nur über Onlineshops. Momentan verkaufe ich mehrheitlich direkt an Endkunden als an B2B-Partner.

Eine gute Idee will auch finanziert sein.

Ja, am Anfang über ein Crowd-Funding. Da bin ich aber sozusagen ein wenig reingestolpert, da ich es zuerst mehr aus Spaß und nebenher entwickelt habe. Erst durch die zahlreichen und anhaltenden Nachfragen nach käuflichen Exemplaren von Freunden und Familie, die den Prototypen bei mir gesehen hatten, fiel der Entscheid, es zu vermarkten.

Hatten Sie dafür einen Businessplan?

Nicht wirklich. Das Produkt ist ja nebenher entstanden. Mein Hauptgeschäft war ja immer die Arbeit für externe Kunden. Es ist das erste Produkt, welches ich im Eigenvertrieb vermarkte. Ursprünglich war es überhaupt nicht gewinnorientiert gedacht. Mittlerweile gibt es aber Monate, in denen die Umsätze respektabel sind.

Und die Erfahrungen? Ergaben sich aus dem Projekt auch Aufträge für Ihr Kerngeschäft?

Meine Erwartungen wurden klar übertroffen und da weiter Nachfrage bestand, habe ich eine Webseite mit Onlineshop eingerichtet. Also alles sehr positiv.
„my-iCros” hat zu vielen spannenden Kontakten geführt. Viele davon gehen in ähnliche Richtungen oder betreffen eine spezifische Weiterentwicklung für eine Spezialanwendung. Allerdings kann ich nicht exakt sagen, dass wegen des Mikroskopes ein neuer Auftraggeber auf mich zugekommen ist. Zumindest bisher.

Wieviel Zeit nimmt das Projekt heute ein?

Nicht sehr viel, da die logistischen Abläufe weitgehend automatisiert sind, einzig verpacken und versenden muss ich noch manuell, der Rest läuft über den Onlineshop. Und der 3D-Drucker läuft unbewacht durch die Nacht. Das Zusammenbauen und Verpacken geht auch recht schnell, wenn man jeweils eine größere Menge auf einmal macht.

Werden Sie das Thema Smartphone-AddOn weiter verfolgen?

Vorerst sicherlich in Form von „my-iCros”. Sofern sich an den iPhone Kameras nichts entscheidendes verändert, was diese Art von Erweiterung verunmöglicht, werde ich das Mikroskop wohl auch für kommende Geräte-Generationen anbieten. Auch Weiterentwicklungen wird es möglicherweise geben, da sind auch verschiedene Ideen bereits in der Testphase.

Family_myicros

Die bisherige Produktfamile – passend für verschiedene Modelle des iPhones | Foto: Designerei

 

Denken Sie auch an andere Smartphone-Modelle außerhalb der Apple-Welt?

Das werde ich immer wieder gefragt. Das iPhone bietet sich an, da Apple einen sehr hohen Marktanteil mit einer sehr kleinen Gerätevielfalt erreicht. Mit meinen fünf Modellen decke ich etwa ein Drittel der schweizer Handybesitzer ab – in Deutschland wird es ähnlich sein. Samsung mit einem ähnlich großen Marktanteil hat zur Zeit in der Schweiz rund 50 verschiedene Handymodelle auf dem Markt, für jedes ein Mikroskop anzubieten, wäre unwirtschaftlich. Aus diesem Grund wird „my-iCros” vorerst nicht für andere Handymodelle zugänglich sein – es sei denn, jemand würde die Entwicklungskosten dafür übernehmen.

Link
www.designerei.ch
www.my-icros.ch

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