Ange­staubte Denk­scha­blo­nen durchbrechen

Jür­gen Hin­der­ho­fer und Susen Schön­berg über Fahr­rä­der, Stu­dien und Ideenfindung.

Mit „Design zählt“ zeigt das Design Cen­ter Stutt­gart, wie Desi­gner und Unter­neh­men zusam­men­ar­bei­ten – und Inter­views mit Desi­gnern las­sen tie­fer bli­cken als es Expo­nate tun kön­nen. In loser Folge ver­öf­fent­li­chen wir einige inter­es­sante Gesprä­che aus der Aus­stel­lung. Den Anfang macht Jür­gen Hin­der­ho­fer und Susen Schön­berg vom Büro Slog­de­sign aus Biberach.

Sie sind bekannt für Ihre Bike-Studien. Was ist der Sinn sol­cher Studien?

H > Wenn wir einen klas­si­schen Kun­den­auf­trag abwi­ckeln, ist der meist ziel­ge­rich­tet, das heißt, wir haben ein Las­ten­heft und das Ganze bewegt sich gestal­te­risch in einem sehr engen Kor­sett. Mit den Stu­dien kön­nen wir uns „aus­to­ben“, unsere Ideen aus­le­ben und umset­zen. Dabei geht es nicht zwin­gend darum, ob das Fahr­rad gebaut wird, son­dern ein­fach um durch die Stu­dien auf neue Ideen zu kom­men und Neues in Unter­neh­men anzu­sto­ßen. Auch, um per­spek­ti­vi­scher zu den­ken, Anre­gun­gen zu bie­ten, was die Zukunft brin­gen kann oder in wel­che Rich­tung man gehen sollte.

Spiel­ten sol­che Stu­dien auch beim Kon­takt mit dem Bike-Hersteller Cen­tu­rion ein Rolle? Wie kamen Sie zusammen?

H > Ja. Es war 2001, als wir auf der Euro­bike in Fried­richs­ha­fen, der wich­tigs­ten Fahr­rad­messe Euro­pas, aus­ge­stellt haben, zusam­men mit Hajo’s Sport­pro­ducts. Das ist ein Ver­trei­ber von sehr exklu­si­vem Fahr­rad­zu­be­hör. Er hatte einen rela­tiv puris­ti­schen Mes­se­stand. Die erste Idee war, einen auf­wän­di­gen neuen Mes­se­stand zu gestal­ten. Und die zweite Idee: Wir las­sen den Mes­se­stand ein­fach, zei­gen aber Eye-Catcher. Hart­wig Hof­herr, der Geschäfts­füh­rer von Hajo’s Sport­pro­ducts, ist gleich dar­auf ein­ge­stie­gen: „Da brin­gen wir einen Knal­ler!“ Und das war das fluo­res­zie­rende, neon­grüné Fun­tom X, bei dem der Haupt­rah­men X-förmig die Sitz­kon­sole und die Feder­schwinge des Vor­der­ra­des durchkreuzt.

Centurion Trailbanger Ultimate

Cen­tu­rion Trailb­an­ger Ultimate

Wie war die Reak­tion der Messebesucher?

H > Auf dem Mes­se­stand stan­den Men­schen­trau­ben um diese Modelle herum, die gar nicht geglaubt haben, was sie da sehen. Das kam so gut an, dass wir auch wei­ter­hin Stu­dien auf der Messe gezeigt haben. Die Leute von Cen­tu­rion sind auch an dem Stand vor­bei­ge­kom­men und haben gesagt: „Die machen ja inter­es­sante Dinge“. Hart­wig Hof­herr und Wolf­gang Ren­ner, der Geschäfts­füh­rer von Cen­tu­rion, ken­nen sich sehr gut, und dar­über kam der Kon­takt zustande. Der Ein­stieg zu Cen­tu­rion kam letzt­end­lich über Emp­feh­lun­gen und diese Referenzen.

Wel­ches war das erste Pro­dukt für Centurion?

S > Das Hydro­for­ming Mountainbike,das wir 2004 ent­wi­ckelt haben. Das war für Cen­tu­rion auch der erste Schritt in diese neue Tech­no­lo­gie. Mitt­ler­weile ist sie stark verbreitet.

H > Beim Hydro­for­ming wird ein Alu­mi­ni­um­rohr in eine zwei­tei­lige Form ein­ge­legt. Hei­ßes Öl wird in das Rohr ein­ge­presst, das einen hohen Innen­druck erzeugt. Die­ser drückt das Alu­mi­ni­um­rohr in die Stahl­form und bringt dadurch die Form­ge­bung. Da bekomme ich Anfor­mun­gen am Tret­la­ger und am Steu­er­rohr, über­all, wo Kräfte ein­wir­ken. Frü­her hat man zusätz­lich Ver­stär­kungs­ble­che auf­schwei­ßen müs­sen, bekam eine ewig lange Schweiß­naht, das Ganze war schwe­rer und sah nicht schön aus. Mit Hydro­for­ming wird alles in einer Form hergestellt.

Wur­den Stu­dien auch als Seri­en­pro­dukte realisiert?

H > Ja, zum Bei­spiel das Down­hill SLOG DH von 2008. Es gab ganz neu die Getriebe von SR Sun­tour V-Boxx und von Niko­lai, die ich ein­fach mal in ein Fahr­rad packen wollte. Dabei ist die Idee ent­stan­den zu der Downhill-Bike-Studie. Als sie zur Hälfte fer­tig war, habe ich Ren­de­rings vom CAD-Modell erstellt und bin damit ins Haus Cen­tu­rion gegan­gen. Dort war man begeis­tert: „So etwas brau­chen wir, mit einem Feder­weg von min­des­tens 160 mm, eine Downhill-Maschine, eine Enduro.“ Und her­aus kam ein Seri­en­pro­dukt, der Cen­tu­rion Trailbanger.

SLOG DH Downhill-Bike mit Getriebe

SLOG DH Downhill-Bike mit Getriebe

Warum sind Sie denn gerade in den Bike-Bereich ein­ge­stie­gen? Was hat Sie daran gereizt?

H > Ein biss­chen die Lei­den­schaft am Pro­dukt selbst. Das Thema urbane Mobi­li­tät besteht­bei uns­schon län­ger. Wie kann ich in der Stadt unter­wegs sein? Unser ers­tes Kon­zept in die­ser Rich­tung war ein Tret­rol­ler, zusam­men­klapp­bar für S-und U-Bahn, um sich ein­fach in der Stadt fort­zu­be­we­gen. Das war um 1992.
Dann ging es wei­ter mit unse­rem Citybike-Konzept von 1995. Es han­delte sich um ein voll­ge­fe­der­tes City­bike, das das Thema des Zahn­rie­men­an­triebs bereits vor­weg­nimmt. Er ist war­tungs­frei, macht keine Geräu­sche – eine sehr ele­gante Lösung. Heute ist er wie­der aktu­ell, vor zwei Jah­ren wurde er als Novum auf der Euro­bike präsentiert.

S > Der Len­ker des City­bike war zum Cock­pit geformt und auch damals hat­ten wir schon die Idee, dass man zum Bei­spiel Tacho, Licht, Klin­gel, alles zusam­men­fasst in ein homo­ge­nes Cock­pit, auf­ge­räumt und schön inte­griert. Also ein Citybike-Design, das heute noch gül­tig ist.

Sie gestal­ten auch in ganz ande­ren Pro­dukt­be­rei­chen, ent­ste­hen da eben­falls Studien?

H > Ja. Aber es sind oft nicht die ganz freien Stu­dien wie im Fahr­rad­be­reich, weil da die Lei­den­schaft grö­ßer ist. Stu­dien für Fir­men sind dage­gen in einem gesteck­ten Rah­men inner­halb eines Auf­tra­ges, zum Bei­spiel ein Innen­raum­kon­zept für ein Fahr­zeug, ein Car­go­ma­nage­ment für einen Kofferraum.

S > Für Smart haben wir zum Bei­spiel eine sehr inter­es­sante Stu­die ent­wi­ckelt, ein fah­ren­des Büro. Die Auf­gabe war: Wenn man den Bei­fah­rer­sitz her­aus­nimmt, wie kann der frei­ge­wor­dene Raum gestal­tet wer­den – ein span­nen­des Thema.

Enwturf für Centurion Trailbanger

Ent­wurf für Cen­tu­rion Trailbanger

 

Bei den Stu­dien gehen Sie in der Regel in Vor­leis­tung. Was sind Ihre Beweggründe?

H > Natür­lich wir gehen in Vor­leis­tung. Man kann mehr über den Tel­ler­rand schauen. Man kann auch sagen, wenn es nicht gefällt, ist mir das egal, denn es hat viel Freude und Spaß gemacht, das zu ent­wi­ckeln. Der ent­schei­dende Fak­tor ist der Frei­raum, Dinge aus einem ver­rück­ten Blick­win­kel zu betrach­ten, das heißt, sie in einem ganz neuen Licht zu sehen. Stu­dien sind für uns ein wich­ti­ges Mit­tel, um „Lea­dership in inno­va­tions“ zu doku­men­tie­ren und ange­staubte Denk­scha­blo­nen zu durchbrechen.

Als Desi­gner muss man schauen, wie man sich frisch hält. Irgend­wann kommt man in einen Trott und wickelt nur noch Jobs ab. Als Gestal­ter will man sich auch ein Stück weit aus­le­ben, und da ist es natür­lich span­nend, mal einen Schritt wei­ter­zu­ge­hen als es bei einem nor­ma­len Auf­trag mög­lich wäre. Denn Fahr­rad­pro­du­zent wer­den, das wäre die nächste Stufe, und das wol­len wir nicht.

Das grenzt einen dann auch schon wie­der stark ein, dann hat man wie­der keine Zeit und das Design ist nur noch ein Teil­be­reich. Dann hätte man bes­ser BWL studiert.

Centurion Overdrive Carbon

Cen­tu­rion Over­drive Carbon

Wie lange unge­fähr benö­ti­gen Sie denn für so eine Studie?

H > Die Basis­idee kann so inner­halb von zehn Minu­ten, auch mal in einer Stunde da sein. Sie kommt irgend­wann plötz­lich und dann gärt und reift sie. Es gilt, ein biss­chen abzu­war­ten, um die Idee im CAD zu erstel­len, und dann ent­wi­ckelt sich das. Es ist immer die Frage, wie viel Zeit man zur Ver­fü­gung hat neben dem Tages­ge­schäft. Meis­tens hat man so viel Spaß, dass man dran blei­ben möchte. Man will es dann als Modell vor sich haben.

 

Ihr Büro gestal­tet nicht nur die Bikes für Cen­tu­rion, son­dern betreut das Unter­neh­men auch ganzheitlich.

H > Wir über­neh­men auch das Produktbranding.Das ist natür­lich die ideale Ver­bin­dung, dass wir alles, was Bran­ding, Farb­ge­bung, Ober­flä­chen, Glanz­grad, wie die Marke prä­sen­tiert wird, in unse­rem Hause umset­zen kön­nen. Die Griffe sind farb­lich abge­stimmt, das geht fast über alle Zube­hör­teile, so dass das Pro­dukt wirk­lich abge­run­det ist.

S > Wir kre­ie­ren auch Mar­ken­na­men, also zum Bei­spiel Eve für das Lady­bike. Zum Teil ent­wi­ckeln wir auch inner­halb der Serie das Naming, wie zum Bei­spiel für die Kids– und Jugend­bikes S-Bock oder R-Bock für Rotzbock.

H > Der Schrift­zug von Cen­tu­rion wurde für das Modell­jahr 2010 von Susen Schön­berg über­ar­bei­tet. Mitt­ler­weile ist das Fahr­rad ja ein Lifestyle-Produkt geworden.

S > Und es bie­tet wahn­sin­nig viel Spiel­raum, gerade zum Bran­den, das macht rich­tig Spaß. Als wir 2004 bei Cen­tu­rion ein­ge­stie­gen sind, wur­den viel­leicht alle zwei Jahre Far­ben und Dekore gewech­selt, jetzt gestal­ten wir im Jahresrhythmus.

Links
www.slogdesign.de
www.design-center.de
www.wortgewandt.net

Design zählt. Wie Krea­ti­vi­tät ins Geschäft kommt
Die Aus­stel­lung des Design Cen­ter Stutt­gart zeigt, wie elf Desi­gn­bü­ros und Unter­neh­men unter­schied­lichs­ter Bran­chen zusam­men­ar­bei­ten – und die Bedeu­tung des Designs für den Unter­neh­mens­er­folg.
Bis 18. Februar 2012 im Stutt­gar­ter Haus der Wirt­schaft, geöff­net täg­lich außer an Sonn­ta­gen von 11 bis 18 Uhr.
www.design-center.de

One Comment

  1. Pingback: 3 1/2 Fragen an … Jürgen Hinderhofer | zwomp.de

Hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


− fünf = 4

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>