Das Wiege-Bahre-Prinzip
Warum Nachhaltigkeit keine nachhaltige Lösung sein kann – Michael Braungart stellt das Cradle-to-Cradle-Prinzip vor.
Michael Braungart formulierte zusammen mit dem amerikanischen Designer William McDonough bereits 1992 ein neues Verständnis vom Umgang mit den endlichen Ressourcen. Vor dem Hintergrund, dass alle aktuellen Recycling-Systeme nur die Zeitspanne verlängern, den Rohstoffe für den Abstieg in die Nutzlosigkeit benötigen, fordern die beiden die radikale Abkehr vom bisherigen, verbrauchsorientierten Wirtschaften. Aber nicht, in dem sie Enthaltsamkeit predigen, sondern alle Systeme so auszulegen gedenken, dass Abfälle nicht entstehen. Produkte, so Braungart, gelte es so zu entwerfen, dass sie nach jedem Lebenszyklus zu neuen Rohstoffen werden – entweder sie werden zu Nährstoffen für die Natur oder zur hochwertigen Basis für neue Produkte. Braungart beschreibt im Buch nicht nur die Idee, sondern auch seinen persönlichen Weg zu dieser Erkenntnis, legt ein leidenschaftliches Plädoyer für seinen revolutionären Ansatz vor. Ein radikaler Umbau der Warenbeziehung ist dafür die Grundlage, Produkte werden in diesem Konzept nicht mehr gekauft und verbraucht, sondern genutzt und dann an den Erzeuger zurückgegeben, der sie dann wieder in die zyklischen Kreisläufe zurückgibt.
Und dies bedeute letztlich eine neue Form wirtschaftlichen Wachstums, das aber nicht mehr auf Ressourcenverbrauch aufbaut. Nicht nur die Produkte, sondern auch die Materialien dafür werden nach Braungarts Modell nur für bestimmte Zwecke geliehen – von so genannten Materialbanken, in die die Rohstoffe dann wieder nach Gebrauch zurückkehren.
Im zweiten Buchteil dann werden konkrete Beispiele vorgestellt, wie sich das Cradle-to-Cradle-Prinzip schon heute in verschiedenen Branchen etabliert hat. Neben Unternehmen wie Belland Material, Steelcase, Hermann Miller, Trigema oder Rohner Textil verweist das Buch hier auch auf Regionen wie die Steiermark, die sich dem Prinzip verschrieben haben. Zum Teil sind die Beispiele sehr aufschlussreich und informativ, teils kommen sie aber auch im verkürzten PR-Stil daher – und das ist dem Thema nicht angemessen.
Insgesamt liefert das Buch einen ersten Einstieg in das Thema, wirft allerdings mitunter mehr Fragen auf als beantwortet werden. Vor allem die praktische Integration des Prinzips in Unternehmensprozesse könnte konkreter dargestellt werden. Und mitunter summt es verdächtig heilsversprechend herum, wenn von „sonnendurchfluteten Räumen“ in den neuen Fabriken zu lesen ist.
Aber: Dass wir in Zukunft intelligenter mit den Stoffen umgehen müssen, ist unbestreitbar. Die nächste industrielle Revolution kann kommen.
Die nächste industrielle Revolution
Von Michael Braungart und William McDonough (Hrsg.)
Europäische Verlagsanstalt, 2008; 245 Seiten mit Abbildungen im Paperback; Euro 25,00
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